Jeder dritte Lehrer steht vor dem Burnout


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Jeder dritte Lehrer steht vor dem Burnout Tausende Pädagogen sind stÄndig überlastet und depressiv

Zeitdruck, verhaltensauffällige Schüler und komplizierte Eltern bringen in der Schweiz Tausende Lehrer an den Rand eines Burnouts. Erstmals zeigt eine Erhebung, wie gestresst unsere Pädagogen sind. Laut der Nationalfondsstudie der Fachhochschule Nordwestschweiz ist jeder dritte Volksschullehrer stark Burnout-gefährdet. Allein auf der Oberstufe sind mehr als 10 000 Lehrer betroffen. Sie kommen auch in der Freizeit nicht mehr zur Ruhe und geben an, oft oder immer müde, schwach und krankheitsanfällig zu sein. 20 Prozent der Befragten fühlen sich «ständig überfordert», und fast ebenso viele sind mindestens einmal wöchentlich von depressiven Verstimmungen geplagt. Frauen und Teilzeitlehrer mit hohem Pensum sind am meisten gefährdet.

Ausgebrannt im Schulzimmer: Erstmals zeigt eine Studie, wie sehr Volksschullehrer am Limit laufen. Dies vergiftet das Schulklima und vermindert Lernerfolge.
— http://www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/Ein-Drittel-der-Lehrer-ist-Burnoutgefaehrdet/story/16963687

Lehrerverband fordert kleinere Klassen und weniger Lektionen 
Die vom Bundesamt für Gesundheit mitfinanzierte Studie schreckt Experten auf. Christoph Eymann, Präsident der kantonalen Erziehungsdirektorenkonferenz, warnt im Interview vor den Folgen: «Viele Lehrer sind heute emotional so stark belastet, dass dies negative Auswirkungen auf den Berufsalltag und damit auf die Schüler hat.» Der Schweizer Lehrerverband verlangt jetzt eine Beschränkung der Klassengrössen auf 22 Schüler und eine Reduktion der Wochenlektionen auf höchstens 26.

Sie klatschte, bis die Hände blutig waren
Patrizia Bisig erlebte den Totalausfall. Nach Klosteraufenthalt und Hilfe durch einen berufsbegleitenden Berater arbeitet sie wieder als Lehrerin.
Bern Patrizia Bisigs «freier Fall» passiert im Winter 2010. Die Lehrerin steht mit ihren Schüölern auf dem Pausenplatz, es schneit, es ist kalt, und bei den Proben für das Adventssingen der Schule geht alles schief. Die Nerven liegen blank, sie ruft den Kindern laut stark zu, peitscht sie mit Worten an und klatscht und klatscht wie besessen den Takt der Lieder, um die Kleinen anzutreiben. In der Sitzung nachher im Lehrerkollegium erschrickt sie, als sie auf ihre Hände blickt: der Mittelfinger, an dem sie ihren Ehering trägt, ist lila geschwollen, Blut klebt an ihrer Handfläche. In der Sitzung sagt eine Kollegin: «Ich glaube, ich hab jetzt bald ein Burnout». Dann kommt sie an die Reihe. Und Patrizia Bisig fällt. Sie bricht innerlich zusammen. «Ich habe ein Burnout», hört sie sich sagen. Sie steht auf, will aus dem Zimmer rennen, setzt sich dann doch wieder hin, bricht in Tränen aus. Totalausfall.

Druck von Schule, Eltern und durch pädagogische Konzepte
«Freier Fall, als hätte jemand das Hamsterrad abgestellt», beschreibt die Volksschullehrerin und zweifache Mutter das Gefühl der Ohnmacht und Leere. Diagnose: Burnout. «Ich musste die Situation akzeptieren. So begab ich mich auf die Suche nach meiner inneren Balance.» Patrizia Bisig, 54, geht auf eine ganz persönliche Reise, auf «die Suche nach sich selbst». Nach ihrem Zusammenbruch wird sie krankgeschrieben, geht für drei Wochen ins Kloster Rickenbach LU. Dort findet sie Ruhe und feste Strukturen. Nach drei Wochen kann sie wieder sechs Stunden am Stück schlafen, wieder regelmässig essen. Etwas, das sie schon seit langem nicht mehr kannte. Schlaf- und Essstörungen – ein Dauerzustand bei vielen Burnout-Patienten.
«Ich war stets in Hast, wollte es allen recht machen, hinzu kam der Druck von Schule und Eltern, pädagogische Konzepte, die es umzusetzen galt.» Sie selber bleibt dabei auf der Strecke. Bisig arbeitet praktisch Tag und Nacht für die Schule, unterrichtet während neun Jahren anspruchsvolle Klassen in Bern-Bethlehem, übernimmt im Kollegium dieses und jenes Ämtli. Die Erschöpfungssymptome hat sie lang vor ihrem Zusammenbruch, verdrängt sie, schleppt sich immer irgendwie in die nächsten Ferien. Sie hat «den anderen Pol» nicht gelebt: Balance, Ruhe, allein sein, Rückzug, Abstand halten. Sie hätte ein schlechtes Gewissen bekommen, sagt Bisig. «Man steht immer unter Druck.»

Hilfe in Anspruch nehmen braucht enorm viel Mut

Im Kloster erlangt sie ein Gefühl der Ruhe, der Festigung. «Ich lernte, fürsorglich mit mir selber um zugehen. So fing ich an, wieder eine Beziehung zu mir aufzubauen.» Sie lernt, wieder auf ihren Körper zu hören, und sich bewusst zu machen, wo ihre Grenzen liegen. Etwas, das ihr nicht leicht fällt. Bis heute nicht. Sie gehört zu den Menschen, die gern arbeiten, die sich gern einsetzen für eine Sache, für andere Menschen, für die Kinder an ihrer Schule sowieso.

«Wir eilen immerfort multifunktional durchs Leben, geben so viel, nur nicht für uns selber.» Wieder zu Hause, stand ihr ein Casemanager der Pädagogischen Hochschule Bern zur Seite. «Eine der besten Hilfeleistungen für Lehrer überhaupt», schwärmt sie. Mit ihm kann sie das Geschehene reflektieren, er koordiniert Termine mit dem Arzt und der Psychologin, nimmt ihr die Kontakte zur Schulleitung und ihrer Stellvertreterin ab.

Mehr als 250 Lehrpeonen pro Jahr nehmen im Kanton Bern diese Dienstleistung in Anspruch – wegen unterschiedlicher Erkrankungen. 75 Prozent werden länger als ein halbes Jahr betreut. Patrizia Bisig erinnert sich gut, wie sie in der schwierigen Zeit nach der Burnout-Diagnose von ihren Mitmenschen gemieden wird. Man gelte als krank. «Die braucht Ruhe», heisse es im Umfeld, Kollegen und Freunde ziehen sich zurück. Dabei braucht man sie gerade dann mehr denn je. «Mein Casanager hat das Beste gemacht: Er hat mit mir geredet.» Heute steht Patrizia Bisig wieder mit beiden Beinen im Leben. Einiges hat sich verändert: Sie trennte sich von ihrem Mann, zog in eine eigene Wohnung und ist im Diplomjahr zur Mal- und Gestaltungstherapeutin. «Hilfe in Anspruch nehmen braucht viel Mut», sagt sie und rät es zugleich allen Betroffenen. Sie kennt viele Kollegen, die das nicht schaffen: «Diesen Schritt muss man machen, er ist das Wichtigste.» Claudia Marinka 

Sonntagszeitung, 26. Oktober 2014

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